Ist Sorge für einen Goldfisch ein Verbrechen?

«Was sind das für Zeiten, wo                                                  
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!»
Bert Brecht, An die Nachgeborenen

Peixe010eue Im «Guardian» erzählt die in England angesehene Kolumnistin Deborah Orr die Geschichte eines Mannes, der £ 300 für eine Operation ausgab, um seinen Goldfisch wieder gesund zu bekommen. Ist dieser Mann auf durchgeknallte Weise unmoralisch, dass er überhaupt nur an ein derartige Handlung denken konnte, während Millionen von Menschen am Verhungern sind? Könnte er nicht seine Zeit und sein Geld dafür einsetzen, wenigstens etwas gegen die wirklichen Probleme von heute zu tun?

Es gibt nach meiner Überzeugung keine Probleme, die es rechtfertigen würden, die Lösung anderer Probleme zu vertagen oder aufzugeben. Es gibt nur richtige und falsche Probleme.
Für mich ist jedes Problem richtig, das die Folge eines unmenschlichen, lebensfeindlichen Gesellschaftssystems ist, des unmenschlichsten und lebensfeindlichsten in der ganzen Geschichte, um genau zu sein, auch wenn wir das auf unserer heilen Insel Westeuropa nicht so direkt mitbekommen.
Darum stimme ich mit Deborah Orr darin überein, das scheinbar naive Sorgen um die Genesung eines kleinen Goldfischs zu verstehen als einen wichtigen Akt im Versuch, ein Leben als Mensch zu leben.
Besser ich sorge für jemand als für gar niemand. Besser ich sorge für jemand innerhalb meiner Möglichkeiten als zu versuchen, für die Ärmsten überhaupt zu sorgen, die jedoch weit ausserhalb meiner Reichweite leben.


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